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Pfarrbrief-Archiv

Pfarrbrief St. Michael - Patrozinium 2006
200 Jahre Pfarrkirche St. Michael

St. Stephan, schon in der Kirchenorganisation von 1315 als Pfarrkirche von Berg am Laim bezeichnet, blieb dies bis 1806. Eine erste gesicherte urkundliche Nachricht, die über diese Kirche in Baumkirchen berichtet, stammt bereits aus dem Jahr 870.

Wie kam es, dass später St. Michael zu unserer Pfarrkirche wurde?

Der Kölner Erzbischof und Kurfürst Clemens August, ein Wittelsbacher, ließ in seiner bayerischen Hofmark Berg am Laim eine repräsentative Hofkirche erbauen. Die neue Kirche sollte größer sein als die bereits in der Josephsburg bestehende Kapelle, in der sich die Mitglieder der hier gegründeten Michaelsbruderschaft und des Ritterordens St. Michael zu Gottesdiensten an hohen Festtagen trafen. Für diese Kirche wurde der Mittelteil der Josephsburg abgebrochen, ihre Seitenflügel blieben jedoch weiterhin bestehen. Im Jahr 1738 fand die Grundsteinlegung der auch unter dem Patrozinium des hl. Michael stehenden Kirche statt. Für den Bau von St. Michael wurden hochrangige Künstler engagiert, Johann Michael Fischer als Architekt, Johann Baptist Zimmermann als Freskant und Stukkator sowie Johann Baptist Straub als Bildhauer. 1751 konnte endlich die feierliche Weihe erfolgen. St. Michael wurde nun strahlender Mittelpunkt der damals weit verbreiteten Bruderschaft, die bereits seit 1725 vom Papst zur Erzbruderschaft erhoben worden war und 100.000 Mitglieder in über 50 Filialen betreute. Die Bruderschaft, eine Gebetsgemeinschaft für Laien, stand den katholischen Gläubigen aus allen Bevölkerungsschichten offen. Da ihr auch viele Mitglieder des europäischen Hochadels beitraten, wurden die Festtage der Michaelsbruderschaft besonders glanzvoll begangen und die von ihren Organisatoren, den Franziskanern, durchgeführten Gottesdienste und Prozessionen zu überregionalen Ereignissen.

Mit dem ausgehenden Barockzeitalter neigte sich die Blütezeit der Michaelsbruderschaft dem Ende zu. In der nachfolgenden Epoche der Aufklärung wurde der Sinn von Bruderschaften neu überdacht und die mit ihren Festen einhergehende Diesseitsfreude, Pomp und Prunk verurteilt. Mit dem Antritt des Kurfürsten Max IV. Joseph, dem späteren König Max I., gerieten auch die Michaelsbruderschaft und ihre Kirche in den Strudel der Reformen. Als damaliger Vorstand bemühte sich Wilhelm von Birkenfeld, Vetter und Schwager des neuen Herrschers, um deren weitere Existenz. Es gelang ihm, die Bruderschaft zu erhalten, den ursprünglichen Status von St.Michael als Hof-, Bruderschafts- und Ritterordenskirche musste er jedoch aufgeben.

Der König fand einen Kompromiss, der dem Ziel der Regierung, den großen Einfluss der Michaelsbruderschaft auf die Bevölkerung zu beschneiden, entgegenkam. Hierzu griff er auf einen Vorschlag des Pfarrers von St. Stephan, Johann Baptist Duschl, zurück. Als Pfarrer zugleich Schulinspektor, wollte dieser eine dringend benötigte Zentralschule für seine Pfarrei errichten. Dafür bot sich nach Meinung des umsichtigen Pfarrers der Josephsburger Nordflügel an, der seit Vertreibung der Franziskaner während der Säkularisation leer stand. Im Dezember 1806 traf der König die endgültige Entscheidung.

Die wichtigsten Bestimmungen lauteten:

  1. St. Michael wird zur Hauptkirche erhoben, die bisherige Pfarrkirche, St. Stephan in Baumkirchen, erhält den Status einer Filiale.

  2. Von nun an amtiert der Pfarrer als Präses der Bruderschaft St. Michael, die bisherigen Bruderschaftskapläne werden entlassen.

  3. Im Nordflügel der Josephsburg wird die Volksschule der Pfarrei eingerichtet. Der Lehrer erhält hier eine Wohnung.

St. Stephan, über Jahrhunderte als Pfarrkirche dienend und mit einer Kirchen- und Pfründenstiftung ausgestattet, wurde somit 1806 zur Nebenkirche von St. Michael.

Die Übertragung des Pfarrstatus von St. Stephan auf St. Michael ist im Rahmen der staatlichen Neuordnung des Pfarrkirchensystems nach der Säkularisation zu sehen und in jenen Jahren kein einmaliger Vorgang. Es war damals, als zahlreiche bedeutende Kirchen aus unserer Kulturlandschaft verschwanden, nicht selbstverständlich, dass mehrere Kirchen an einem Ort erhalten wurden, so wie in Berg am Laim St. Michael, St. Stephan und Maria Loreto (nur St. Veit fiel unter die Spitzhacke). Der staatliche Eingriff von 1806, St. Michael zur Pfarr-, St.Stephan zur Filialkirche zu machen, ist nachträglich gesehen, ein großes Glück für Berg am Laim. Letztlich wurden die ehemals wittelsbachischen Gründungen, St. Michael und die Michaelsbruderschaft, während der Säkularisation durch die Protektion König Max I. Joseph gerettet.

Ein Manko gab es jedoch. Es erfolgte keine für die Pfarrgemeinde zufriedenstellende Regelung der finanziellen Verhältnisse der neuen Pfarrkirche. Das Bruderschaftsvermögen wurde nicht St. Michael direkt übereignet, sondern 1809 abgezogen und einer Hofbehörde unterstellt. Wegen dieser schwierigen finanziellen Situation, und weil St. Michael für die Gemeinde viel zu groß war, dauerte es lange, bis sie als Pfarrkirche angenommen wurde. Es spielte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts immer mehr ein, dass die Pfarrer die sonntäglichen Messen wieder in Baumkirchen hielten, zumal das Pfarrhaus nach wie vor gegenüber von St. Stephan lag. Nach dem Einzug der Barmherzigen Schwestern in die Seitenflügel der Josephsburg (1840/50) wurde St. Michael immer mehr als deren Klosterkirche betrachtet. Vorübergehend hatte man wohl ganz den Pfarrkirchenstatus von St. Michael vergessen, denn ab 1884 findet sich sogar wieder die Bezeichnung "Hofkirche".

Dies änderte sich, als der tatkräftige Peter Gleitsmann, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter, im Jahr 1910 die Pfarrei übernahm. St. Stephan war für eine Gemeinde mit 2.295 Einwohnern, in der im Sommer zusätzlich viele italienische Ziegeleiarbeiter lebten, endgültig zu klein geworden, so dass die Gottesdienste wieder in St. Michael gehalten werden mussten. Pfarrer Peter Gleitsmann gründete nun eine eigene Kirchenverwaltung für St. Michael, mit dem Ziel, das zur Kirche gehörende Vermögen der Michaelsbruderschaft in ihre Hand zu bringen. Nach langen, vergeblichen Verhandlungen wandte sich der Pfarrer direkt an den König. Am 20. Mai 1915 wurde daraufhin das Vermögen der Bruderschaft mit "Kirche und Vorplatz", dazugehörendem Grund und den noch verbliebenen Wertpapieren an die Pfarrei übertragen.

St. Michael ist heute Zentrum der größten katholischen Pfarrgemeinde Münchens und ihr Pfarrer übt - wie 1806 bestimmt - weiterhin das Amt des Bruderschaftspräses aus. Das Patrozinium des hl. Michael wird jährlich am Sonntag vor oder nach dem 29. September als Festtag mit feierlichem Hochamt, Prozession und Michaelidult unter großer Beteiligung der Gemeindemitglieder begangen.

Dr. ChristI Knauer-Nothaft